1500 Jahre Næstved - Geschichte der Stadt
(Autor: Palle Birk Hansen)
Næstved zählt zu den ältesten Städten des Landes und war eine der größten dänischen Städte im Mittelalter. Mit ihren ungefähr 40.000 Einwohnern ist die Stadt heute eine der größeren dänischen Provinzstädte.
Næstved ist eine klassische Handelsstadt inmitten eines großen und fruchtbaren Hinterlandes. Die Stadt hat ihre Wurzeln in der jüngeren Eisenzeit, d. h. 400-500 n. Chr. Im Boden der Kulturschicht Næstveds findet man archäologisches Quellenmaterial aus dieser Zeit unter Müllschichten aus der Wikingerzeit und dem Mittelalter.
Der Name der Stadt, Næs-tved, enthält die Endung –tved aus der Eisenzeit. Tved bedeutet Kahlschlag im Wald (das wird im Mittelalter typisch durch die Endung –rød ausgedrückt). Næs kann sich auf die spezielle Landschaft mit Ydernæs, Grimstrup Næs und Appenæs beziehen, die von den Schiffen passiert werden mussten, um die Stadt auf dem Fluss Suså zu erreichen. Næstved bedeutet somit wahrscheinlich ”Kahlschlag hinter den Landspitzen”.
Wir haben noch nicht viele Auskünfte über die frühe Bebauung Næstveds, die zwischen den Hügeln Lerbjerget, Lisbjerget und Sandbjerget zu den Ufern des Flusses Suså geschützt gelegen ist. Die Häuser der Eisenzeit verstecken sich unter den modernen Häusern der Stadt – wir haben bisher die Gelegenheit gehabt, die Müllschichten der Eisenzeitstadt zu untersuchen.
In der späten Wikingerzeit und im frühen Mittelalter hatte sich Næstved zu einer Großstadt entwickelt, die sich auf beiden Seiten des Flusses Suså ausbreitete. Der Stadtteil am linken Ufer hieß 1135 Store Næstved und der Stadtteil am rechten Ufer Lille Næstved. Die Großgrundbesitzer des Bodilgeschlechtes besaßen große Teile von Næstved im Jahre 1135 und vermieteten die Höfe. Der Bischof von Roskilde erhielt Einnahmen von den Pfarrkirchen der Stadt, St. Peder und St. Morten, und der König erhielt bis 1140 die Einnahmen vom Marktplatz und Stadtthing. Darüber wird von einer Anzahl freier Bürger und einer landlosen Unterschicht ausgegangen. 1135 und 1140 ging ein großer Teil der Grundbesitze und Einnahmen der Stadt Næstved auf eine neue Klostergemeinschaft des Benediktinerordens, Næstved St. Peders Kloster oder Skovkloster über. Skovkloster wurde am 29. November 1135 vom Bodilgeschlecht mit der Hilfe des Bischofs und des Königs gegründet.
Durch das Mittelalter stand Næstved unter der Herrschaft von Skovkloster. Der Abt war der Stadtherr Næstveds. Die alte Torvekøbing entwickelte sich zu einer eigentlichen Stadt mit Stadtrat und (spätestens 1280) einem eigenen Stadtwappen mit den Himmelschlüsseln. In der Mitte des 13. Jahrhunderts kamen neue kirchliche Institutionen zur großen Stadt: Gråbrødrekloster um 1240, St. Jørgensgården in Aaderup spätestens 1261, Sortebrødrekloster vor 1266. Civitas Nestvediensis war in Hochform! Während dieses Jahrhunderts belegte Næstved hinsichtlich Größe und Steuerbemessungsgrundlage den zweiten Platz unmittelbar nach der Bischofsstadt Roskilde – vor Kopenhagen und allen anderen Städten auf Seeland.
Das Hinterland von Næstved ist eine uralte Ortschaft, wo man sich seit der Urzeit mit Getreidebau und Viehzucht beschäftigt hat als ein wesentlicher Teil der wirtschaftlichen Grundlage für die Blüte der Stadt Næstved. Die Grenze des Hinterlandes befindet sich typisch ca. 2 Meilen oder ca. 15 km von der Stadt entfernt, die längste Strecke, die morgens und abends am einem Markttag von den Bauern zurückgelegt werden konnte, wenn sie auch am Markt verkaufen und einkaufen sollten. Næstved hat seit dem Mittelalter feste Markttage am Mittwoch und Samstag, und somit sind auch die Markttage in Næstved eine Kulturerinnerung!
Im 14. Jahrhundert kontrollierten die Holsteiner während einer Periode Næstved mit ihrer Stütze im Burg Husvolden am südlichen Stadtrand. Husvolden wurde 1345 von Valdemar Atterdag eingenommen. Die Schlacht bei Næstved 1259 und das Kriegergrab auf Sandbjerget, wo die zerhauenen Kadaver von 60 verlorenen Kriegern um 1300 begraben wurden, sind andere Erinnerungen an militärische Aktionen in Næstved.
Noch einige kirchliche Institutionen kamen zur Stadt am Ende des 14. Jahrhunderts, nämlich Helligåndshuset ca.1390 und ein Nonnenkloster des Dominikanerordens auf Gavnø unmittelbar nach 1400. Die Entwicklung setzte sich fort, u.a. kraft der engen Handelsbeziehungen mit Lübeck. Im Laufe des 15. Jahrhunderts übernahm der König allmählich die Herrschaft über Store Næstved, das jetzt wieder eine königliche Stadt wurde, während Lille Næstved als Dorf unter Skovkloster überlebte. Im 15. und 16. Jahrhundert hatte Næstved seine große Zeit, in der Adel und reiche Kaufmänner viele Steinhäuser und vermutlich noch mehr Fachwerkhäuser bauten.
Im 17. Jahrhundert ging es aber bergab: ein kaltes und schlechtes Klima und die Kriege gegen Schweden bremsten die Entwicklung. Gleichzeitig versandeten der Susåhafen und Mindegabet, wodurch der Handel beeinträchtigt wurde. Nur das Militär hielt im 18. Jahrhundert die Sachen in Gang, wo viele Fachwerkhöfe von zwei auf ein Stockwerk reduziert wurden – die großen Flächen wurden nicht länger benötigt.
Der Danneskjold-Samsøe Kanal von Tystrup See über den Fluss Suså und Næstved bis Karrebæksminde wurde Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut, um von den Wäldern Mittelseelands für die Haushalte in Kopenhagen Holz zu verschiffen. Aber erst in den 1840er Jahren fanden in Næstved größere positive Veränderungen statt. Der Getreideexport nach England setzte Dampf hinter die Entwicklung und viele der alten Häuser wurden durch neue Steinhäuser ersetzt.
Nach dem Grundgesetz 1849 wurde die Gewerbefreiheit eingeführt und die Grenzen der dänischen Städte wurden in den 1850er Jahren geöffnet. Somit auch in Næstved. 1870 kam auch die Eisenbahn zur Stadt. Næstved entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten explosionsartig mit der Industrialisierung. In den letzten 165 Jahren erhöhte sich die Einwohnerzahl Næstveds von 2.271 im Jahre 1840 auf ungefähr 40.000. Und die Entwicklung setzt sich fort!
Auch aus historischer Sicht ist es sehr interessant, dass die neue Großgemeinde Næstved ab dem 1. Januar 2007 die uralten und gegenseitig abhängigen Elemente von Hinterland und Stadt in einer modernen Ganzheit vereint, die unter Berücksichtigung von Land und Stadt verwaltet werden kann.
